Zwischen Hochschule,
Industrie und Schule
Das Heidelberger Explo will Interesse für die naturwissenschaftlichen
Fächer wecken / Von Heike Schmoll
HEIDELBERG, Ende Juli
Welche Farben
hat das Licht einer Kerze? Auf diese Frage werden Kindergartenkinder
in den seltensten Fällen von ihren Eltern
oder Erziehern eine Antwort erwarten dürfen. Jugendliche wollen
dann wissen, was sie unter einer Spektralanalyse zu verstehen haben
oder wie der Mörder, der sich beim Einschlagen einer Fensterscheibe
in den Finger geschnitten hat, anhand seiner DNA zu identifizieren
ist. Auf solche Fragen, die sie ausschließlich selbst stellen,
gibt das Explo in Heidelberg nicht nur Antwort, junge Wissenschaftler
erarbeiten sie mit den Kindern oder Jugendlichen.
Es liegt mitten
auf dem naturwissenschaftlichen Campus der Universität
Heidelberg. Der Standort ist ebenso Programm wie die Inhalte. Denn
Schüler sollen am selben Ort arbeiten wie die Wissenschaftler,
diese sollen den naturwissenschaftlichen Unterricht nicht nur ergänzen
und vertiefen, sondern Schüler zu eigenen Forschungsarbeiten
anregen. Vor allem aber soll das naturwissenschaftliche Interesse über
die schwierige Zeit der Pubertät bewahrt werden.
Das Explo bietet
eine Ausstellung mit naturwissenschaftlichem Bildungsangebot,
ein
Lernlabor für 24 Schüler sowie ein
Studienzentrum zum virtuellen Nachvollziehen der naturwissenschaftlichen
Erkenntnisse (Medienlab). Die Einrichtung des Medienlabors haben
die Heidelberger Druckmaschinen AG und SAP Deutschland AG mitfinanziert.
Für das Lernlabor gilt Sicherheitsstufe 1, berichtet Molekularbiologe
Thomas Wendt, der Versuche zum Beispiel mit Bakterienstämmen
mit den Schülern durchführt. Die Schulen haben dazu nicht
die nötigen Einrichtungen.
Im Rhein-Neckar-Raum
gab es bisher schon zahlreiche Stiftungen (Hector Seminar, Life
Science Lab Heidelberg und Science Academy
Baden-Württemberg), Unternehmen und Initiativen, die sich
der naturwissenschaftlichen Förderung annehmen. Zum ersten
Mal haben sie sich nun unter dem Dach der Initiative "Jugend
und Wissenschaft" zusammengetan und verbinden die Breitenförderung
mit der Begabtenförderung. Erst im März 2004 hatten führende
Vertreter von Forschung, Industrie, Wissenschaft und Schulen mit
Beteiligung des Oberschulamts Karlsruhe die Initiative "Jugend
und Wissenschaft" gegründet, um gemeinsam ein "Netzwerk" zur
Förderung in naturwissenschaftlichen und technischen Themen
aufzubauen. Die Stadt Heidelberg hat zur Gründung des Explo
650 000 Euro zur Verfügung gestellt, die in jährlichen
Teilraten ausbezahlt werden. Die Grundfinanzierung sichert aber
nur den Mietzins und die Betriebskosten. Alle weiteren Kosten müssen
durch staatliche Mittel und durch Zuwendungen aus der privaten
Wirtschaft aufgebracht sowie durch eigene Projekteinnahmen erwirtschaftet
werden. |
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Das
Ziel der Zusammenarbeit soll jedoch nicht in einer starren Institution
liegen, sondern in der - auch projektbezogenen
- Beteiligung Gleichgesinnter und Interessierter. Bei der Stiftung
Jugend und Wissenschaft Heidelberg arbeiten das European Molecular
Biology Laboratory (Lehrerfortbildungen), die Fachhochschule Heidelberg,
das Max-Planck-Institut für Astronomie, die Pädagogische
Hochschule, das Physikalische Institut und die Hector Seminare
mit. Das Explo soll Schritt für Schritt aufgebaut und weiterentwickelt
werden. Wer hier mitarbeiten will, muß allerdings Qualität
vorweisen, die von einem Kuratorium unabhängiger Wissenschaftler
beurteilt wird, und eine Kooperationsvereinbarung unterzeichnen.
In Heidelberg
sind die Physik-Vorlesungen am Samstagmorgen schon institutionalisiert.
Unter dem Motto "Faszination Wissenschaft" findet
in Zusammenarbeit mit dem Heidelberger Life Science Lab am Deutschen
Krebsforschungzentrum und dem Springer Verlag eine Vorlesungsreihe
mit anerkannten Vertretern ihres Faches aus ganz Deutschland statt.
Zum Explo kommen nicht nur Heidelberger Schüler, sondern Interessierte
aus dem ganzen nordbadischen Raum. Die Liste der geplanten Aktivitäten
noch in diesem Jahr ist lang, und das öffentliche Interesse
gibt der Initiative recht. Inzwischen beschweren sich Gymnasiasten
schon, wenn an ihrer Schule kein Explo-Projekt angeboten wird.
Wie eine Schule am besten damit beginnt, sollen die sogenannten
Stützpunktschulen erklären. Das sind Gymnasien, an denen
etwa zwei Biologielehrer über Projekte zum Thema "Molekularbiologie" beraten.
Sie können ihren Kollegen erklären, welche Themen sinnvoll
sind, wie sie die obligatorische Fortbildung mit Zertifikat absolvieren
und wie ihre Schüler sich bewerben können. Die Stützpunktlehrer
erarbeiten Konzepte, die den von den Bildungsplänen vorgegebenen
Unterricht ergänzen, und stellen diese den Nachbarschulen
vor. Aufwendige Experimente oder Projekte können auch direkt
an der Stützpunktschule gezeigt werden.
Aber auch Schüler sollen mit Hilfe der Stützpunktschulen
genau das Projekt finden, das ihren Interessen und Begabungen entspricht.
Schüler in der achten Klasse (bisher meist Gymnasium und Realschule)
können sich entweder selbst bewerben oder vom Schulleiter
vorgeschlagen werden. Sie müssen dann einen Vortrag über
ein eigenes Thema halten, das nicht unbedingt ein naturwissenschaftliches
sein muß. Entscheidend ist, wie sie die Fragen nach ihrem
Vortrag beantworten. Hat ein Schüler erfolgreich das Bewerbungsverfahren
durchlaufen, kann er im Idealfall von der neunten bis zur zwölften
Klasse seine naturwissenschaftlichen Interessen entdecken und stärken,
möglicherweise sogar eine Vorauswahl für sein späteres
Studium treffen. Wer als Schüler am Explo war, hat spätestens
beim Abitur keine Berührungsängste mehr mit der Universität
und wird sich dort auch besser zurechtfinden.
"Wir wollen hier nicht spielen, sondern den Unterricht sinnvoll
ergänzen", sagt Peter Gilbert vom Oberschulamt in Karlsruhe,
der selbst Biologe ist. Deshalb muß ein Projekt im Explo
sorgfältig im Unterricht vorbereitet werden. Die Lehrer erarbeiten
das gesamte Praktikum an einem Tag und können sich erst dann
mit einer Schülergruppe anmelden. Lehrer, die als Lehrermentor
am Explo arbeiten, erhalten dafür zwei Deputatsstunden, auch
die Lehrer an den Stützpunktschulen bekommen eine kleine Deputatserleichterung,
die allerdings eher symbolischen Charakter besitzt. Neben den wissenschaftlichen
Mentoren bildet das Explo auch Schülermentoren aus, die etwa
Mitschülern dabei helfen, ein "Jugend forscht"-Projekt
vorzubereiten. In jedem Jahr nennen die Stützpunktschulen
zwei Schüler aus der zehnten Klasse, die zwei Jahre als Mentoren
tätig sein sollen und dann eine gezielte theoretische und
praktische Ausbildung erhalten. Schon in den ersten Monaten nach
der Eröffnung hat sich gezeigt, daß das Explo sich enorm
motivierend auswirkt - sowohl auf Schüler wie auch auf Lehrer.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.07.2004, Nr. 176 / Seite
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